Mama McCool und ihre Regenbogenfamilie auf Instagram

Bea heißt jetzt Ben

Aktualisiert: 25. Juni 2018


Seit etwa drei Jahren lebt mein guter Freund Ben als Mann. Meine Tochter ist vier und kann sich an die Zeit, als Ben noch Bea hieß, gar nicht mehr erinnern. Dass seine Stimme nicht so tief und seine Statur etwas schmaler ist als die der anderen Männer in ihrem Umfeld, interessiert sie nicht. Ben ist Ben. Und Ben ist ein Mann. Ganz einfach. Kindliche Klarheit – wie ich sie liebe.


Vor zwanzig Jahren habe ich von Ben meinen ersten lesbischen Kuss bekommen (um den ich mich übrigens im Nachhinein total betrogen fühle. Ist ein Kuss zwischen zwei Frauen, von denen eine ein Mann ist, als lesbischer Kuss zu werten? Wohl kaum. Bekam ich damals also einen ordinären Hetero-Kuss? Das bringt meine komplette lesbische Vita durcheinander!!! Danke, Ben. Danke für nichts! Na ja, Schwamm drüber. Der Kuss war trotzdem gut). Danach waren wir kurz ein Paar. Drei Monate. Wohl die übliche Länge einer typischen Teenager-Beziehung. Auch wenn´s mit der Liebe damals nicht so geklappt hat, blieben wir Freunde und auch, wenn wir uns durch Job, Familie und was weiß ich noch nur selten sehen, haben wir unsere Freundschaft immer gepflegt. Dass ich miterleben durfte, wie aus Bea Ben wurde, war für mich richtig schön. Endlich lebt er so, wie er es sollte! Denn Bea war keine Butch, sie war Ben. Eigentlich schon immer.


Meine Tochter stellte seine Männlichkeit zwar nie infrage, bekam bei einem seiner Besuche aber mit, wie er über seine Testosteron-Dosis sprach. Wie bei fast jedem Kind kreischte sie beim Wort "Spritze" laut los.


"Warum musst du eine Spritze bekommen? Bist du krank, Ben?"


Und dann noch der typische Nachsatz: "Keine Angst, ist nur ein kleiner Piekser."


Wir erklärten ihr, dass Ben sich auf die Spritze sehr freut und auch gar keine Angst vor dem Piekser hat. Später am Abend erzählte ich ihr von der Zeit, als Ben noch Bea hieß und dass er sich nun entschieden hat, als Mann zu leben. Meine Tochter, die Jungs im Allgemeinen und ihren Brüder im Speziellen gerade totaaal blöd fand, konnte nicht begreifen, wie man freiwillig männlich sein wollte. Mädchen zu sein, wäre doch viel cooler.


Ich versuchte ihr zu beschreiben, dass Ben eigentlich schon immer ein Junge gewesen war, aber eben in der Gestalt eines Mädchens. "Es war für ihn so wie ein Kostüm, das ihm gar nicht gefiel und auch nicht passte. Er fühlte sich immer verkleidet und total unwohl damit. Aber das Kostüm konnte er nicht einfach ausziehen, es war wie festgewachsen. Nun, als Erwachsener, legt er dieses falsche Kostüm, das er nie haben wollte, Stück für Stück ab."


Große Augen. *ratter, ratter* Kurze Stille. "Mamaaa?" – "Ja, mein Schatz?" – "Kann ich Karneval wieder mein Drachenkostüm tragen?"


Ben ist schon geübter darin, Kindern seine Transsexualität näher zu bringen. Dem achtjährigen Sohn von Bekannten beschrieb er es so: "Sieh mal, du bist doch ein Junge. Klare Sache. Du spielst in der großen Pause Fußball, kletterst auf Bäume und kloppst dich manchmal mit deinen Freunden. Jetzt stell dir mal vor, keiner wüsste, dass du ein Junge bist. Nur DU wüsstest es. Dann würden deine Eltern dir Kleider kaufen – in denen kann man gar nicht gut Fußball spielen. Und deine Freunde würden dich bei der Spaßkloppe nicht mitmachen lassen. Alle schenken dir zum Geburtstag was in rosa. Du hast sogar einen Mädchennamen. Aber du allein weißt, das ist alles nicht richtig so."


Bei unserer Geburt bekommen wir alle ein "gesellschaftliches Paket" überreicht, so formuliert es Ben. Völlig ungefragt. Ohne Rückgaberecht. Unsere Gesellschaft erwartet von Mädchen und Frauen andere Dinge als von Jungen und Männern. Sich da zu widersetzen, kostet viel Kraft.


Als Ben noch Bea war, belastete ihn besonders die Art und Weise, wie mit ihm geredet wurde. Ehrlich gesagt habe ich mir darüber nie große Gedanken gemacht, aber er hat Recht: Mit Männern wird ganz anders kommuniziert als mit Frauen – im Job, in den Medien, aber auch beim Brötchenkauf. Achtet mal drauf!


Kommunikation ist für meine Tochter auch ein Riesen-Thema. Sie quasselt nämlich alle zu. Da macht sie zwischen männlich und weiblich keinen Unterschied.


Neben Ben gibt es in unserem Umfeld noch zwei weitere Transsexuelle, die sie kennt. Ihnen begegnet sie mit derselben Selbstverständlichkeit wie Ben. Ich bin sehr stolz auf sie und sie gibt mir Hoffnung. Dass es nie einfach ist, nicht der Norm zu entsprechen, weiß ich als Lesbe sehr gut. Wenn man Trans ist, ist das Päckchen (das bis oben hin vollgepackt ist mit Vorurteilen, Angst und im schlimmsten Fall Hass) noch um einiges größer. Kindern ist egal, ob jemand schon immer Mann oder Frau war, ob primäre Geschlechtsorgane zur Identität passen oder der richtige Vorname im Pass steht. Solange die Person ausdauernd mit Playmobil spielt und zwischendurch Kekse aus der Küche holt, ist sie akzeptiert und cool. Doch es liegt an uns Erwachsenen, ob unsere Kinder vorurteilsfrei bleiben.


Wenn Ben an seine eigene Kindheit denkt, denkt er an sich als Jungen. Er spielte immer mit den wildesten Jungs aus seiner Grundschulklasse und war früh im Fußballverein (Mädchenmannschaft natürlich, aber was sollte er machen ...?). Bei uns im Ruhrgebiet gibt es an fast jeder Ecke eine Trinkhalle, liebevoll "Büdchen" genannt. Ben wollte immer eine Wundertüte haben: "ABER NUR DIE FÜR JUNGEN!"


Meine Erkenntnisse aus diesem Artikel: Kinder sind die Coolsten! Verderbt es ihnen nicht, liebe Eltern.


Und: Ich hatte tatsächlich einen lesbischen Kuss mit einem Jungen. Das muss mir erstmal jemand nachmachen ...


Eine Anekdote zum Schluss:

Einmal traf ich im Wartezimmer unseres Kinderarztes dieses nette lesbische Pärchen mit ihren beiden Töchtern. Wir kannten uns nur vom Sehen und kamen nun ins Gespräch. Ich erzählte von unserer damals laufenden Stiefkindadoption und fragte, ob die beiden damit schon durch seien. Eine der Mamas antwortete: "Nein, das mussten wir gar nicht machen." Ich war erstaunt: "Warum?" – "Weil wir beide die biologischen Eltern der Mädchen sind." Erst da fiel mir auf, dass die Stimme der einen Mama etwas zu tief und die Gesichtszüge etwas zu kantig waren. Damals war mir die Situation unglaublich peinlich, gleichzeitig freute ich mich aber auch. Ich freute mich, dass ich die (Trans-) Frau als das gesehen habe, was sie ist. Nämlich als Frau. Egal, was in ihrer Hose ist.



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