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Mama McCool und ihre Regenbogenfamilie auf Instagram

Früher war alles schlechter

Aktualisiert: 25. Juni 2018

Vor unbestimmter Zeit ereignete sich folgender Zwischenfall:


Nikki und ich waren auf einer Szene-Party. Welche es genau war, habe ich verdrängt. Wir waren eine ganze Weile nicht mehr aus gewesen. Als Langzeit-Paar wird man halt bequem und außerdem hatten wir zu Hause Netflix. Warum also das Haus verlassen?! Zum Glück haben wir gute Freunde, die uns dann und wann daran erinnern, dass es ein lesbisches Party-Leben gibt, das uns sehr vermisst.


Es war ein wirklich schöner Abend: schöne Location, schöne Drinks, schöne Frauen. In der Toiletten-Schlange kam ich mit einem Mädel ins Gespräch. Wir unterhielten uns prima und weil sie nicht fragte, ob ich eine Freundin hätte, sagte ich es auch nicht. Ich hab´s immer noch drauf, dachte ich. Wir lachten (sie lachte sogar über meine ganz schlechten Witze – eindeutiges Signal für einen heißen Flirt), quasselten über alles mögliche und waren fast ein bisschen traurig, als sich die Kabinentür öffnete und dem Warten ein Ende bereitete. Dann sagte sie es: "Ich glaub, Sie waren vor mir dran." Sie hatte das S-Wort ausgesprochen. Und damit meine ich leider nicht "Sex", sondern "Sie". Sie siezte mich – auf einer Party! Verstößt das nicht gegen irgendwelche Regeln? Darf man im Rausch der Lesbo-Vibrations einfach jemanden siezen? Ich sage: NEIN!


In dieser Nacht sah ich mich – gekränkt und schmollend mit meinem Beck´s in der Hand – etwas genauer auf der Party um. In meinen Monaten und Jahren der Party-Abstinenz hatte sich das Bild der Szene verändert. Coole Hipster-Kids mit Jutebeuteln und Hornbrillen hüpfen jetzt dort über die Tanzfläche, wo früher starke Butches mit versteinertem Gesichtsausdruck zum Takt gewippt haben. Ein kleiner Generationenwechsel hat stattgefunden – und mir hat keiner Bescheid gesagt. Die Ältesten waren meine Freundinnen und ich nicht, aber die Jüngsten auch nicht. Wir gehörten so zum oberen Drittel, schätze ich. Oder zum oberen Viertel ...


Einigen der Mädels sah ich deutlich an, dass sie eigentlich um diese Uhrzeit nicht ohne einen Erziehungsberechtigten hier sein durften. Aber wer kann´s ihnen verdenken. Ich war gerade Sechszehn, als ich begann in die sogenannte "Szene" zu gehen. Und es war gut! Eine neue Welt, nach der ich lange gesucht hatte. Ein Wunderland voller Menschen, die so waren wie ich. Eine kleine Insel, auf der ich mich frei fühlte. Klingt kitschig. Das war es auch, aber es war auch real.


Als ich mit Sechszehn heraus posaunte, dass ich lesbisch war, hatte ich das große Glück, dass sich zeitgleich auch Tim aus meiner Klasse als schwul outete. Bis dahin hatte ich mit ihm nicht viel zu tun gehabt: unterschiedliche Interessen, verschiedene Cliquen und er hatte deutlich bessere Noten als ich ;) Doch ab diesem Tag waren wir die besten Freunde – zumindest freitags und samstags.


Abgesehen von einem langsamen und teuren Modem-Anschluss, den mein Vater wie ein Gorilla bewachte, gab es für mich keinen Zugriff auf das Internet. Tims und mein Szene-Guide war aus Papier und hieß "Coolibri" oder "Queer". Am Anfang eines jeden Monats suchten wir die Cafés in der Umgebung nach diesen Gratis-Magazinen ab, um im Event-Teil zu markieren, auf welche Partys wir gehen wollten. Unser Revier erstreckte sich von Dortmund, durchs Ruhrgebiet, über Düsseldorf, bis nach Köln. Und das Ganze ohne Auto. In manchen Nächten saßen wir mehr in Zügen, als wir im Club tanzten.


Neben der "Coolibri" und der "Queer" lagen Tims und mein Kalender (damals gab´s ja noch keine Handys, also schrieben wir alles auf – voll Oldschool). Mit einem blauen Stift trug ich die Szene-Party ein, auf die wir gehen wollten, darunter schrieb ich in grün, was ich meinen Eltern erzählen wollte, wohin ich gehe. Eine raffinierte Lösung, die tatsächlich nie schief gegangen ist. Idiotensicher!


Meist blieben wir bis zum Schluss auf den Partys. Dann musste man nicht mehr so lange auf den ersten Zug am Morgen warten.


Ich fühlte mich danach immer regelrecht beseelt. Nicht, weil ich einen tollen Flirt hatte (darin bin ich unfassbar schlecht ... unfassbar) oder die Musik ganz besonders toll gewesen war, sondern weil ich sie sah: die Menschen, zu denen ich werden wollte. Lesben und Schwule, die ich nicht kannte und trotzdem spontan zu meinen Vorbildern machte. Sie wirkten alle so selbstbewusst, so zufrieden mit dem, was sie waren, so ausgelassen und glücklich mit ihrer Art zu leben. Das wollte ich auch.


Vorbilder sind wichtig für junge Menschen – besonders, wenn sie sich anders fühlen als Andere. Die Szene war damals der einzige Ort, an dem ich als junge Lesbe diese Vorbilder sah. In den Medien alberte Hella von Sinnen in unförmigen Kostümen durch C-Promi-Shows und in "Hinter Gittern – der Frauenknast" polierte Butch Walter jeder Tussi die Fresse, die ihre Freundin schief anguckte. Mehr lesbische Projektionsfläche gab es für mich nicht. Auch lesbische Zeitschriften, Lesarion, Facebook und so weiter waren damals noch in gaaanz weiter Ferne.


Und nun stand ich da – zwischen den Jutebeuteln am Rand der Tanzfläche. "Die Mädels haben´s heute gut", dachte ich. "Ernstzunehmende lesbische Frauen in Politik, Sport und TV, das nächste Date nur einen Klick entfernt und lesbischer Lesestoff ohne Ende." In diesem Moment war ich ziemlich neidisch auf die jungen Mädels mit den Hornbrillen.


Doch dann dachte ich an die Zeit mit meinem Szene-BFF Tim (den ich nach dem Abi übrigens kaum noch gesehen habe). Diese Szene-Beseelung, die er und ich damals verspürten, konnte ich auch in den Augen der Mädels sehen, die auf der Tanzfläche ihre Selfies machten. So groß war der Unterschied zwischen ihnen und mir dann doch nicht – auch, wenn für sie heute vieles selbstverständlicher ist. Deshalb bleibe ich dabei: Auf Partys darf KEINER gesiezt werden – auch nich so ´ne abgehalfterte Lesbe wie ich.


Schließlich könnte ich euer Vorbild sein :)






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